Nachdem Toleranz in den letzten Jahren zum Schlagwort in den meisten Debatten um  interkulturellen Dialog und Zusammenarbeit geworden war, verspricht ein Titel wie „Ein Plädoyer für die Intoleranz“ eigentlich frischen Wind in einem eher auf der Stelle tretenden Diskurs. Wer allerdings mit einer rein gesellschaftskritischen Analyse rechnet, sieht sich schon auf den ersten Seiten eines besseren belehrt. Aber ohnehin würde eine derartige Erwartung von einer gewissen Unkenntnis des Autors zeugen: Der 1949 in Ljubljana geborene Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zizek zählt, wie auch Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk in Deutschland oder Bernard–Henry Lévy in Frankreich, zu den gegenwärtigen „Philosophie-Entertainern“. Zwar gehörte er im ehemaligen Jugoslawien dem Widerstand an, seine marxistische Prägung aber, wie auch der starke Einfluss der poststrukturalistischen Ansätze Lacans sind in „Ein Plädoyer für die Intoleranz“ nicht zu übersehen.

Schon die ersten Zeilen der Einleitung verweisen auf die Kernthese des Buches: die Entpolitisierung von Ökonomie und Gesellschaft durch den Multikulturalismus als „die Ideologie des derzeitigen globalen Kapitalismus.“[1] Die Behauptung: Die Phänomene Ideologie und Entpolitisierung sind wesensverwandt. Beide bedeuten Abbruch der Kommunikation (indem der Gegenüber nicht mehr als der reale Andere wahrgenommen wird), um so der Infragestellung durch den Anderen zu entgehen und die eigene Macht zu festigen.

Für Zizek verläuft dieser Abbruch in der Ideologie über eine bestimmte Art der Universalisierung: Die durch Begriffe vermittelten partikukaren Inhalte werden so verallgemeinert,[2] dass sie eine hegemoniale Universalität vortäuschen, die funktionalisiert wird zur Legitimation einer bestimmten (Herrschafts)Vorstellung. Man muss kein großer Marxkenner sein, um an dieser Stelle der Argumentation die marxistische Definition von Ideologie herauszulesen, die von Zizek in einem nächsten Schritt auf das Phänomen der Globalisierung übertragen wird: Denn die beschriebene Art von Universalisierung ist für Zizek eine verfälschte. Während wahre Universalität Politisierung einschließe, sei das beschriebene Phänomen „die heraufdämmernde postpolitische Ordnung, die schrittweise die Dimension der Universalisierung verdrängt.“[3] Die Globalisierung – eine verdrehte Form der Universalisierung?

Für die zweite tragende These des Buches, auch Entpolitisierung sei Abbruch von Kommunikation, geht Zizek auf den französischen Philosophen Jacques Rancière zurück. Auch hier sind die marxistischen Wurzeln unverkennbar. Der politische Konflikt – und Zizek übernimmt hier Rancière – ist die aufrechterhaltene Spannung zwischen dem Gesamtkörper der Gesellschaft und dem Teil der Gesellschaft, der ausgeschlossen ist, keinen „An-Teil“ hat.[4]

 Für Rancière ist damit gegen Habermas der politische Diskurs nicht allein der rational geführte, sondern immer auch der Kampf darum, ge- und erhört zu werden, der Kampf um die Gültigkeit der eigenen Stimme.

Es ist für Zizek genau dieses politische Moment, was im gegenwärtigen politischen Konflikt geleugnet werden soll: Von kommunitaristischen Bemühungen über die Habermassche und Rawlsche Ethik bis hin zum Feindbilddenken, das sich im Krieg entlädt zwischen „uns“ und den „Anderen“[5] – alle sind Entpolitisierungen im Sinne der Verneinung des Antagonismus im Diskurs und damit letztlich die Nivellierung des Diskurses selbst.

Es sei ein Merkmal der Ära der „Post-Politik“, dass versucht werde, ideologische Grenzen abzuhaken und Ideen allein nach ihrer Funktionalität zu bewerten, unabhängig von ihrer ideologischen Herkunft. Der Geist der Funktionalisierung   vernichte die Spannung des Politischen.[6] Zurück bleibe eine leere Universalität, die, von jedem positiven Inhalt freigemacht, einen eurozentristischen Abstand zu quasi jeder Kultur bewahren kann. Dies ist für Zizek die globale Universalität des Kapitals und Inhalt des angeblich toleranten Multikulturalismus. Hinter dieser Homogenität, die nichts anderes ist, als inhaltsfreie, leere Universalität, verberge sich aber letztlich eine Demonstration der eigenen Übelegenheit.[7]

Die postmoderne Identitätspolitik, die aufgrund der Abwesenheit positiver Inhalte jeden  anerkennt und ihm seinen Platz und seine entsprechenden Rechte in der Gesellschaft zuweist, ist  das Ende der Politik: Das Anerkennen der Interessen aller macht den Diskurs unnötig, indem es ihn seiner Widersprüchlichkeiten beraubt. Jede Aushandlung wird unnötig, die einzig übriggebliebene Verbindlichkeit bleibt die des Kapitals. Für Zizek nichts als ein verkappter Eurozentrismus, der das eigene über das andere „überstülpt“ und in dem Schlagwort „Kulturimperialismus“ seinen Weg in die politischen Debatten und Feuilltons gefunden hat. Doch wer nutzt hier wen? Das Kapital die Inhaltsleere der multikulturellen Gesellschaft, um sie mit eigenem Inhalt zu füllen oder diese den Geist eines global agierenden Kapitals? Oder ist letzterer der eigentliche Inhalt des Multikulturalismus? Die Gleichsetzung von liberaler (und damit bürgerlicher) Gesellschaft mit dem Kapital, die Zizek anzudeuten scheint, ist zwar die Übernahme einer politisch linken Prämisse – allein einleuchtend erscheint sie aus der Argumentation heraus nicht.

Jenseits der Verbindung von Kapital und Gesellschaft haben die geschilderten Zusammenhänge auch Konsequenzen für die Ethik. Denn so entgegengesetzt Fundamentalismus und Multikulturalismus auch erscheinen mögen, hinter dem scheinbaren Antagonismus verbirgt sich aufgrund der bisherigen Erkenntnisse eine tiefliegende Solidarität: Während der Multikulturalismus auch die fundamentalistischste Bewegung attraktiv finden kann mit der Begründung, sie schütze nur ihre eigene Identität, schlüpfen die Fundamentalisten in die Rolle der schützenswerten Minderheit, die um ihr eigenes Überleben kämpft. Diese aus multikulturalistischer Sicht ausgeübte Toleranz hat nun aber einen Haken: Von dem französischen marxistisch geprägten Philosophen Étienne Balibar übernimmt Zizek den Ansatz, dass die Spannung zwischen abstrakter und konkreter Universalität irreduzibel ist: Die wahre ethnische Faktiziät von zum Beipsiel weiblicher Beschneidung sei nun einmal unerträglicher als die abstrakte Idee der Gültigkeit fremder Traditionen. Für Zizek ein Teufelskreis der multikulturellen Toleranz: Denn der Andere kann nur so lange toleriert werden, als er nicht als der reale Andere hervortritt. Wir haben also das Problem von gleichzeitig zuviel und zuwenig Toleranz. Hier begegnen wir der stärksten Seite der Argumentation des Buches, denn Zizek legt den Finger auf den wunden Punkt jeder Toleranzdiskussion: Wie soll mit dem wirklichen Fremden umgegangen werden, ohne auf der einen Seite die eigenen Werte zu nivellieren oder auf der anderen „Kulturimperialismus“ zu betreiben? Doch gerade an diesem Punkt, der auch auf den Titel des Werkes hinzuweisen scheint, bricht eine konstruktive Fortführung ab. Das mag zum einen daran liegen, dass Zizek zu bemüht ist, die von ihm genutzten marxistischen Ansätze nicht zu kontradiktieren, was letztlich eine Entwicklung von Lösungsansätzen behindert. Zum anderen scheint der Autor nach dieser gelungenen und einsichtigen Problemanalyse selbst ratlos.

Die letzte vernichtende Kritik Zizeks betrifft schließlich den Träger des Multikulturalismus und dieser ist – und angesichts der bisherigen Ausfaltung marxistischer Theorien sollte sich die Überraschung in Grenzen halten – niemand anders als die bürgerliche Mittel-Klasse. Indem sie ihre Identität auf eine doppelte Opposition zu linken und rechten Extremen berufe, sei sie in Wahrheit die Verleugnung des Antagonismus per se, weil sie gerade jene Spannung aufhebe, die jedem politischen Prozess wesensinhärent sei.

Da die Gegensätzlichkeiten so zwar aus dem öffentlichen Raum verschwinden, aber keinesfalls nivelliert werden, zeigen sie sich in anderer Form. Und so ist eines der Merkmale dieser Post-Politik das Auftreten einer dysfunktionalen Grausamkeit. Diese Art von Grausamkeit wird bei Zizek zum ES-Bösen, dem gestörten Verhältnis von Subjekt und Objektursache, für das sowohl Täter als auch Gesellschaft psycho-soziale Erklärungsmuster finden, die letztlich nichts weiter bedeuten, als ein erneutes Funktionalisieren.[8] Aus diesem Eingebundensein in die leere Universalität  gibt es wiederum kein Entrinnen als erneut jene scheinbar ir-rationalen Gewaltausbrüche. Multikulturelle Toleranz und deren Träger werden über diese Argumentation nicht nur mitverantwortlich für ein Ausbreiten des Fundamentalismus, sondern auch für andere rational nicht begründbare Gewaltausbrüche inner- und außerhalb  einer von ihr beherrschten Gesellschaft. Gewalt als einziges Gegenmittel gegen eine alles vereinnamende multikulturelle Gesellschaft? Diese Argumente erinnern auf fatale Weise an die Erklärungsversuche, die dem 11. September 2001 folgten: In der Deutung, der Westen habe sich die ihm entgegengebrachte Gewalt selbst zuzuschreiben, trafen sich damals die Fundamentalisten jeglicher Couleur mit der westlich geprägten Linken. Eine bedenkliche Allianz, die vom Autor so offensichtlich nicht wahrgenommen wurde. Denn Zizek meint bewiesen zu haben, dass der Entpolitisierung der Politik nicht von einer neutralen Mitte (dem Träger multikulturellen Denkens) entgegengetreten werden kann, sondern nur von einer einzigen Bewegung: der Linken. Und da der derzeit herrschende Geist gleichzeitig der des (global agierenden) Kapitals ist, ist es nur folgerichtig, wenn mit diesem gesellschaftlichen Wandel auch eine Politisierung der Ökonomie verbunden ist. Letzterer werden als Lösung der geschilderten Probleme erneut die Zügel sozialer Kontrolle angelegt, um Entpolitisierung als neue Ideologie zu verhindern.

Fazit: Die Kritik an einer Gesellschaft, die immer a-politischer wird, ist durchaus berechtigt. Warum aber eine Politisierung der Politik mit einer erneuten Politisierung der Ökonomie verbunden werden muss, bleibt uneinsichtig. Zu sehr beschleicht den Leser das Gefühl, Zizek versuche mit einem argumentativen Kunstgriff, linke Wirtschaftsphilosophie in seinem Argument unterzubringen. Dass marxistisch verbrämte Schlagworte erneut ein Feindbilddenken eröffnen, ist dementsprechend auch der bleibende Eindruck durch die gesamte Lektüre des Buches und dessen größte Schwäche. Denn gerade dieses Aufbauen von Feindbildern liegt (wie auch vom Autor selbst geschildert) dem Abbruch von Kommunikation und Diskurs zugrunde.[9]

Zudem verschleiert die Argumentation Zizeks, dass der von ihm beschriebene Multikulturalismus gerade kein Ausdruck einer liberalen Mitte ist; ein Jenseits von politischen Extremen nicht automatisch in Wertneutralität und Indifferentismus übersetzt werden kann. Im Gegenteil: Während gerade Extreme ihre Stärke aus der Auflösung von Antagonismen ziehen, ist es die Kunst eines wahrhaft toleranten liberalen Denkens, innerhalb des eigenen Wertsystems Spannungen auszuhalten.

Die Abneigung des Autors, die Vorgabe marxistischer Thesen in keinerlei Hinsicht zu falsifizieren gibt dem Leser so letztlich das Gefühl, allenfalls Marx besser verstanden zu haben. So bleibt ein den Geist des Lesers herausforderndes Buch, das beachtenswerte Denkanstöße zur Problematik eines abgebrochenen Diskurses als Grundlage inner- und intragesellschaftlicher Probleme enthält. Der Diskussion um Toleranz und Intoleranz ist – anders als der Titel vermutem ließe – damit leider noch zu wenig gedient.

 

 

Besprochene Literatur:

Slavoj Zizek: Ein Plädoyer von Intoleranz. Wien 2003

 

Weitere Publikationen (Auswahl):

Die Grimassen des Realen (1994)

Die Metastasen des Genießens (1996)

Das Unbehagen im Subjekt (1998)

Die gnadenlose Liebe (2001)

Philosophie und Aktualität. Ein Streitgespräch (2005)

Das Reale des Christentums (2006)




[1] Slavoj Zizek: Ein Plädoyer für Intoleranz, Wien 2003, S. 13.

[2] Vgl. ebd., S. 16/17. Dieses symbolische Schaffen der Realität ist nicht zuletzt wieder ein Aufgreifen der Thesen Lacans.

[3] Ebd., S. 38/39.

[4] Vgl. ebd., S. 27/28. Auch „wahre Universalisierung“ wird Zizek zufolge nur über den vom politischen Prozess ursprünglich ausgeschlossenen Teil der Bevölkerung, dem „Teil ohne An-teil“ verwirklicht,  der gleichsam als Platzhalter des Universalen fungiert.

[5] Vgl. ebd., S. 31/32.

[6] Vgl. ebenda, S. 36/37.

[7] Vgl. ebd., S. 70/71.

[8] Vgl. ebenda, S. 41ff.

[9] Weiterführend kann an dieser Stelle auch auf das Denken Carl Schmitts verwiesen werden.

One Response to “Der Multikulturalismus im Schussfeld von linker Kritik und Psychoanalyse: Slavoj Zizeks „Ein Plädoyer für die Intoleranz“”


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