Als im Jahr 1401 in Kues an der Mosel Nikolaus Krebs (1401-1464) geboren wurde, der später unter dem Namen Nikolaus Cusanus Philosophiegeschichte schreiben würde, zeichnete sich bereits deutlich der Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit ab, der auf allen Ebenen eine Zeit der Zerreißproben werden sollte.

Innerkirchlich waren die letzten Ausläufer des abendländischen Schismas, das erst nach der Resignation des Gegenpapstes Felix V. im Jahr 1449 überwunden sein sollte, noch bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts zu spüren. Auch die während des Konzils von Ferrera-Florenz im Jahr 1439 noch auf dem Papier beschlossene Einheit mit der griechisch-orthodoxen Kirche sollte mit dem Fall von Konstantinopel 1453 endgültig scheitern. Hinzu kamen der immer stärker werdende Konflikt zwischen weltlicher und geistlicher Macht, den der Kirchenpolitiker und spätere Kardinal Nikolaus von Kues in seiner Auseinandersetzung mit Graf Sigismund in Brixen selbst zu spüren bekam, und die akute militärische Bedrohung durch Türken (die wiederum zu einer dezidierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Islam zwang, an der auch der Cusaner regen Anteil nahm).

Derartige politische Umbrüche konnten auch an der geistesgeschichtlichen Entwicklung nicht spurlos vorübergehen. Das Einheitsideal, der prägende Gedanke des Mittelalters, drohte den pluralistischen Entwicklungen zum Opfer zu fallen. Eine Rettung konnte allein darin bestehen, Verschiedenheit auf Einheit bezogen positiv zu lesen und ihr damit den bedrohlichen Charakter zu nehmen.

Cusanus gelang dieses integrierende Denkbewegung derart umfassend, dass sie bis heute ihresgleichen sucht. Er verband auf bis dahin so nicht versuchte dialektische Weise platonisches und aristotelisches Gedankengut, negative und positive Theologie und wurde so im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Schwellendenker, der die heraufziehende Renaissance mit dem ausgehenden Mittelalter verknüpfte. Die tragenden Fundamente seines philosophischen Gesamtkonzeptes sind dabei zweifelsohne in der coincidentia oppositorum, dem Zusammenfall der Gegensätze, und dem an das sokratische Nichtwissen angelehnten Erkenntnisprinzip der docta ignorantia, der wissenden Unwissenheit, zu sehen.

Abgeschlossen im Jahr 1440 in Kues, waren der gleichnamigen Schrift politisch einige bedeutsame Ereignisse voraus gegangen: Dem Wechsel des Cusaners von der Baseler Konzilspartei auf die Seite von Papst Eugen IV. folgte der Auftrag, die byzantinische Delegation nach Italien zu holen. Man kann annehmen, dass sowohl die Begegnung mit den die Delegation begleitenden Neuplatonikern Bessarion (1403-1472) und Plethon (ca. 1355-1452) als auch die Überfahrt über das unendlich wirkende Meer Cusanus aufs Tiefste beeindruckten und ihn zu dem Gedanken inspirierten, „das Unbegreifliche unbegreiflicherweise in wissendem Nichtwissen erkennend (zu) umfassen“.

Das in drei Bücher (die nacheinander von einer theologischen, kosmologischen und christologischen Wesensanalyse ausgehen) untergliederte Werk kreist immer wieder um die Frage nach dem Wesen von Erkenntnis. Diese kann Cusanus zufolge nur beantwortet werden, wenn die Fragen nach dem Wesen Gottes und der Welt mit einbezogen werden. Die Basis dafür findet er in der trinitarischen Grundstruktur seiner theologischen Überlegungen, die er sowohl auf die Epistemologie als auch auf die Ontologie überträgt. Er gelangt so zu dem Bild eines grundlegenden Relationsgefüges als Grundbestimmung von Sein, Dasein und Erkenntnis. Zwar findet man schon bei Augustinus eine Herausarbeitung der Bedeutsamkeit der Relation, aber erst Cusanus gelingt der endgültige Paradigmenwechsel von einer Substanz- zu einer Strukturontologie: Indem relatio nun gleichursprünglich mit Substanz gedacht wird, entpuppt sich das Universum als ein komplexes Beziehungsgefüge, das wiederum selbst nur über Relationen und Verhältnissetzungen erschließbar wird.

Die Methoden spekulativer Mathematik und hypothetischer Deduktion nutzend, zeigt er sowohl eine Vorgängigkeit der Identität vor der Differenz als auch, wie das Anwachsen entgegengesetzter Eigenheiten bis an die Grenzen ihres Vermögens deren konstitutive Einheit erkennen lässt: Das Größte und das Kleinste, die ins Unendliche gedachten geometrischen Formen von Kreis und Gerade koinzidieren; nicht, weil sie im Unendlichen ihre Identität verlieren, sondern weil in der vollkommenen Verwirklichung aller Möglichkeiten das Trennende aufgehoben wird.

Diese Überlegungen führen Cusanus nun zu dem Problem, wie das diskursiv arbeitende (und demzufolge Widersprüche ausschließende) rationale Denken sich diese coincidentia oppositorum erschließen kann. Schon im Endlichen kann Cusanus ohne große Mühe aufzeigen, dass Erkennen von Welt nur über die Verhältnisbestimmung von Gleichem und Ungleichem funktioniert und damit nur als ein sich annäherndes Messen gedacht werden kann. Aber auch eine so vollzogene Annäherung bedarf einer Orientierung, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten. Cusanus gelingt dies mit einem Rückgriff auf sein Postulat der Vorgängigkeit der Einheit vor der Verschiedenheit. Das den Zusammenfall der Gegensätze (und damit die Wahrheit Gottes berührende) reflexive Erkenntnisvermögen der Vernunft (intellectus) wird als die Wurzel allen rationalen Erkennens aufgedeckt und so zur Schaltstelle zwischen Endlichem und Unendlichem im Menschen. Indem der eigentlich in Unterscheidungen arbeitenden Verstand (ratio) an diesen Punkt gelangt, verweist er auf seinen in der Vernunft wurzelnden göttlichen Ursprung und zugleich auf die Überwindung seiner eigenen Grenzen. Auf der anderen Seite bedarf aber auch die Vernunft, deren Teilhabe am Göttlichen im konkreten Vollzug ihrer synthetischen Fähigkeiten verwirklicht wird, wiederum des dialektischen Aufstiegs durch die ratio, um zur vollen Entfaltung zu gelangen.

Spuren Cusanischen Denkens kann man über die Jahrhunderte bis hin zur Dialektik Hegels verfolgen, allerdings über weite Strecken eher durch die latente Rezeption über Denker wie Giordano Bruno als durch direkte Bezugnahme. Erst in jüngerer Zeit wurde die Fruchtbarkeit seiner Ansätze für weite Bereiche des Denkens, angefangen von Erkenntniskritik und Sprachphilosophie bis hin zu praktischen Bedeutungen für den interreligiösen Dialog auch bewusst wiederentdeckt.

Cusanus war in jeder Hinsicht ein Denker des Ganzen. Schon 500 Jahre vor Heidegger analysiert er die ontologische Differenz von Sein und Seiendem, die sich bei ihm in dem Verhältnis von Identität und Alterität, Endlichem und Unendlichem ausdrückt. Immer aber ist sein Grundanliegen der Mensch und die Frage nach der Totalität von Sein und Denken. Durch die ratio-intellectus-Verhältnisbestimmung gelingt ihm Antwort auf beide Pole der Erkenntnis- und Vernunftkritik, die genau genommen eine Verstandeskritik ist: Denn die Verwurzelung des Rationalen im Intellektualen ist weder eine reine Selbstentmächtigung des Denkens wie in skeptizistischen oder relativistischen Ansätzen noch eine Überhöhung des Rationalen zum Absoluten hin: Vielmehr lehrt der Cusaner eine epistemologische Demut vor dem Horizont des Unendlichen. Erst in dieser Verbindung kann sich das rationale Denken durch die Teilhabe an der Vernunft bis zu deren Ursprung erheben ohne sich in der Hybris rhetorischer und rationaler Selbstermächtigung zu verlieren.

Nikolaus von Kues, De docta ignorantia, in Philosophisch-Theologische Schriften, Band 1, S. 191-517, Wien 1964

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