Michel Eyquem de Montaigne: Philosophie treiben bedeutet „sterben lernen”
Tuesday, 2008-April-22
Max Horkheimer zufolge hat der Skeptizismus nie wieder so glänzende Vertreter hervorgebracht wie in den ausgehenden Epochen von Antike und Renaissance. Ein paradigmatisches Beispiel für letztere sehen wir zweifelsohne in dem französischen Denker Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592) vor uns.
Dabei stellt eine Einordnung Montaignes den Betrachter zunächst vor unerwartete Schwierigkeiten: Seine skeptischen Daseinsanalysen weisen ihn als Philosophen und Begründer des modernen Skeptizismus aus; seine Zeit als Bürgermeister von Bordeaux, dessen Posten er vier Jahre für zwei Amtszeiten innehatte, zeigt uns den Politiker Montaigne; Montesquieu schließlich rechnet ihn zusammen mit Platon, Malebranche und Shaftesbury zu den größten Schriftstellern der Menschheitsgeschichte. Für den späteren König Heinrich von Navarra wiederum war er immer wieder ein wertvoller Gesprächspartner. Heinrich Mann hat in seinem Roman Henri IV dieser Beziehung ein wunderbares dichterisches Denkmal gesetzt.
Dabei gibt uns wie kaum ein anderer Montaigne selbst Aufschluss über sein Leben. Kindheit und Jugend waren eher ungewöhnlich: Der Vater überließ den Jungen zur Erziehung zunächst einfachen Landleuten. Aus dieser Phase seiner Ausbildung leitete Montaigne seine spätere Vorliebe für die auffallend einfache Sprache ab, die seine gesamten Werke prägt. Aber auch die politische Entwicklung des von den Hugenottenkriegen zerrissenen Frankreichs, dessen Zustand wohl am ehesten mit dem Deutschlands nach dem Dreißigjährigen Krieg zu vergleichen war, hinterließ ihre Spuren.
Denn die durch diese Ereignisse hervorgerufene tiefe Erschütterung des Vertrauens in die Menschheit findet ihren Widerhall natürlich im Hauptwerk Montaignes, seinen Essais (frz. Versuche), die geprägt sind von einem grundlegenden Skeptizismus. Über den langen Zeitraum von 1572 (dem Jahr, in dem die Hugenottenkriege mit der Bartholomäusnacht gerade einen grausamen Höhepunkt erreicht hatten) bis 1592 entstanden, stellen sie ohne Frage das Lebenswerk Montaignes dar. Obwohl die beiden ersten Bände bereits 1580 das erste Mal veröffentlicht wurden (der dritte Band folgte posthum 1595), überarbeitete und ergänzte Montaigne sie bis an sein Lebensende.
Die durch ihre Themenfülle faszinierenden Essais gaben einem neuen Genre der Literatur ihren Namen: der Essayistik. Obwohl man in ihnen alle Phasen der geistigen Entwicklung Montaignes, angefangen vom klassischen Stoizismus bis hin zu einer mit heiteren Gelassenheit verbundenen skeptischen Haltung findet, zeichnen sich die Essais durch eine fehlende Methodik aus. Vielmehr verknüpft der Autor in ihnen empirische Erfahrungen zwanglos mit klassischen Zitaten und theoretischen Reflexionen über die verschiedensten Gebiete: Philosophie, Theologie und Politik; aber auch alltägliche Themen wie Sittlichkeit, Erziehung, Ehe oder Freundschaft spielen eine Rolle.
Obwohl sich eine solche persönliche Bekenntnisliteratur auch schon bei Augustinus oder Petrarca finden lässt, unterscheiden sich diese „Plaudereien“ Montaignes insofern, als sie sich von jeglichen Gewissheitsvorgaben, seien sie philosophischer oder theologischer Natur, zu lösen versuchen. Denn gerade die Gewalttaten zwischen Hugenotten und Katholiken zeigten Montaigne die Gefahr religiöser Absolutheitsansprüche. Ohnehin leiteten sich in seinen Augen Maßstäbe menschlichen Handelns eher aus Gewohnheiten und Sitten ab. Weit davon entfernt, diesen aufgrund fehlender verbindlicher Erkenntnisse ihre Gültigkeit abzusprechen, plädierte Montaigne aus pragmatischen Gründen für die Achtung der bestehenden Sitten. Nichts sei verderblicher als auf der Basis des vermeintlichen Besitzes alleingültiger Wahrheiten die bestehende Ordnung anzuzweifeln. Dementsprechend hielt Montaigne den Protestantismus auch nicht aus religiösen, sondern allein aus politischen Gründen für gefährlich.
Überhaupt wird Maßhalten zur Grundlage jeglichen Denkens und Handelns: „Man sieht sehr gewöhnlich, dass gute Absichten, wenn sie ohne Mäßigung durchgesetzt werden, die Menschen zu sehr fehlerhaften Handlungen verleiten.“ schreibt er einleitend in seinem Essai über die Gewissensfreiheit.
Kein Beispiel zeigt ihm indes so deutlich die Uneinholbarkeit des Daseins durch menschliche Erkenntnis wie der Tod. Sich mit ihm zu versöhnen und vertraut zu machen, statt den Gedanken an ihn zu fliehen, und so die Todesfurcht abzulegen wird zum großen denkerischen Ziel Montaignes und Maßstab seines Philosophierens: Philosophie treiben bedeutet: „sterben lernen“ – so der Titel eines Essais.
Der von Montaigne praktizierte Stoizismus trägt dabei keinerlei asketische Züge, sondern ist Ausdruck eines überzeugten Epikuräertums: Man solle das Glück, das aus Gesundheit, Familie und Erfolg stamme, genießen, ohne in Abhängigkeiten zu geraten; man müsse sich gleichsam ein „Hinterstübchen reservieren“, in dem der Geist unabhängig von Äußerlichkeiten sich selbst genug sei.
Obwohl in den Essais nirgends ein direkter Gesprächspartner auftritt, bemerkt der aufmerksame Leser eine Art verkümmerte Dialogstruktur. Montaignes „Versuche“ wirken wie ein Selbstgespräch, in das der Leser durch das Abwägen verschiedener Meinungen und fehlender endgültiger Aussagen mit einbezogen wird. Diese Gesprächsform war ihm äußerst wichtig: Immer wieder betont er, kein System entwickeln zu wollen; vielmehr sei ihm daran gelegen, den Leser erzählerisch in ein Gespräch zu verwickeln. Ohnehin scheint ein großer Reiz der Essais in der Sprache selbst zu liegen: Auch schwerwiegende Probleme wie der Zweifel an der Möglichkeit menschlicher Erkenntnis werden in einer mühelos-eleganten Sprache vorgebracht, deren an Konversation erinnernder Stil auch die größten denkerischen Hürden problemlos zu meistern scheint.
Diese Art zu denken und zu schreiben machte Schule. Obwohl Denker wie Blaise Pascal oder die französischen Rationalisten Montaigne in entscheidenden Punkten Unentschlossenheit und Neutralität vorwarfen, kommt man nicht umhin zu bemerken, dass auch Descartes’ Discours de la méthode in essayistischer Weise dargelegt wurde und ebenfalls biographische Darstellungen enthält; der von tiefer Skepsis geprägte Zweifel Montaignes, der selbst die Vernunftleistungen in Frage stellte, verwandelt sich schließlich in den methodischen Zweifel Descartes’. Aber auch von Voltaire oder Moralisten wie La Rochefoucauld war sein Denken wieder aufgenommen worden und selbst Nietzsche verdankte ihm entscheidende Anregungen.
Das einsame Ich, das bei Montaigne sich Welt erschließen muss und letztlich immer auf sich selbst zurückgeworfen bleibt in einem Dasein, dessen Vorgaben trügerisch sind und ständig wechseln können, macht Montaigne zum Vorläufer subjektivistischen Denkens. Seine skeptische Epoché, die Zurückhaltung aller (Vor)Urteile, sollte später unter anderen Vorgaben in der Phänomenologie wieder eine maßgebliche Rolle spielen. Diese humanistisch-skeptische Haltung lässt zudem nicht verwundern, dass auch die führenden französischen Geister der Postmoderne, allen voran Lyotard und Derrida, Montaigne wieder für sich entdeckt hatten.
Aber vor allen Dingen erleben wir in den Essais ein eindrucksvolles literarisches Selbstportrait. In ihnen entfaltet sich vor dem Leser auf beeindruckende Weise eine Lebenskonzeption, die, alle Bereiche menschlichen Lebens einschließend, erst aufgrund der Verneinung jeglicher sicheren Erkenntnis die menschliche Natur in ihrer gesellschaftlichen Ausprägung zu bejahen vermag.
Michel de Montaigne, Essais, Reclam, Leipzig 1983
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