Erich Przywara: Analogia Entis
Thursday, 2008-November-20
Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert ließ sich ein wiedererstarktes Interesse an der Frage nach dem Sein verzeichnen. Aber spätestens als mit der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, dem Ersten Weltkrieg, Zweifel an der Selbstmächtigkeit der Vernunft aufkamen, wurde sie endgültig wieder zur zentralen Fragestellung. Das galt auch für den mit dem Phänomenologenkreis um Husserl in intensivem geistigem Austausch stehenden Philosophen und Theologen Erich Przywara (1889-1972).
Przywara, der sich selbst in geistiger Nähe zu der Phänomenologin Edith Stein sah, entwickelte seine Philosophie wesentlich in der Auseinandersetzung mit Max Scheler. Obgleich Przywara die Phänomenologie seinem Denken zugrunde legt, übt er auch Kritik an deren Exponenten Husserl, Heidegger und Scheler dafür, das Verhältnis von Bewusstsein und Sein als geschlossenes System interpretiert zu haben. Przywara nennt es die „Usurpation göttlichen Schauens.“
In seinem 1932 publiziertem Hauptwerk „Analogia entis“ entwickelt Przywara demgegenüber einen anderen Ansatz. Er bezieht darin nicht nur die augustinisch-thomistische Lehre, sondern auch das Denken Dionysius Areopagitas und der deutschen Mystik mit ein.
Die Analogia entis – die Analogie des Seins – als dynamisches Prinzip war schon im bisherigen Denken einer der Kerngedanken der philosophischen Überlegungen Przywaras gewesen. Den entscheidenden Anstoß zu einer genauen Analyse gab jedoch die in den Quaestiones disputatae und De ente et essentia entwickelte Unterscheidung Thomas von Aquins zwischen Sosein (Wesen) und Dasein (Existenz). Diese von Thomas aufgeworfene Frage findet ihre Entsprechung in der berühmten Aussage des 4. Laterankonzils, dass zwischen Schöpfer und Geschöpf keine so große Ähnlichkeit sein könne, dass zwischen ihnen nicht noch eine größere Unähnlichkeit wäre.
Przywara fragt zunächst nach den Grundstrukturen, wie sie sich im formalen Begriff einer Metaphysik zeigen und ermittelt diese als ein Zwischen oder einen Schwebezustand, der aber aufgrund seiner Dynamik immer schon über sich selbst hinausweist. Diese Steigerung lässt sich auch daraus ablesen, dass metaphysische Aussagen nicht restlos im Begriff aufgehen (ergo rein positiv bestimmt werden), sondern ihre wahre Bestimmung erst in negativen Seinsaussagen finden, wie wir sie auch in der negativen Theologie antreffen. Auf diese Art und Weise gelingt es ihm, die analogia entis als das Prinzip der Metaphysik einzuführen, die in der Formgestalt zwischen Sosein (essentia) und Dasein (esse), deren Spannung das Wesen der Analogie bildet, alles umfasst.
Um die Grundstruktur der Analogie umfassend zu erschließen, bedarf es Przywara zufolge zweier Ansätze: des Satzes vom Widerspruch und der etymologischen Herleitung. Während im logos in seinen vielen Bedeutungen schon immer das Vernünftige, ein vorgegebener Sinn mitschwinge, spräche das Präfix „ana“ (auch verwandt mit „ano“) von einer Reihung, deren Prinzip ein „Oben“ sei. Damit wirke sich das Prinzip (in seiner eigentlichen Bedeutung als Ursprung) aber auch selbst auf diese Reihung aus, vergleichbar mit der Wirksamkeit einer Quelle im strömenden Fluss.
In dem von Aristoteles in seiner Metaphysik formulierten Satz vom ausgeschlossenen Widerspruchdrückt sich Przywara zufolge das Grundlegende der Analogie aus: Da der Widerspruch als Minimum einer dynamischen Synthese entsteht, steht er letztlich selbst in der Bewegung dieser Synthese. Hier kann Przywara auch die Grundstruktur menschlichen Erkennens eingliedern: Denn indem menschliche Erkenntnis als auf eine approximative Mitte ausgerichtete Dynamik gelesen wird, wird sie selbst zur Analogie.
Das Prinzip der Analogie wird also Przywara zufolge vollkommen missverstanden, wenn es statisch interpretiert wird. Vielmehr enthüllt es sich als das Ur-Dynamische: statt eines Etwas haben wir einen sich stets verändernden Ausgangspunkt vor uns. Hieraus können wir den dynamischen Schwebecharakter (geschöpflicher) Wirklichkeit zwischen Sein und Nichtsein ablesen; auch Menschsein ist gekennzeichnet von dieser Gratwanderung, die sich in einem stetigen Werden manifestiert und von Przywara als ein dynamisches Zwischen oder Mitte bezeichnet wird.
In die Ontologie übertragen ist Analogie entis dann das Verhältnis zwischen einer „geladenen“, d.h. zur Verwirklichung drängenden Möglichkeit und der Wirklichkeit. Für Przywara liegt aber die Bedingung einer solchen Potentialität schon immer darin, dass jemand sie verwirklichen kann (und damit selbst bereits wirklich ist). Dieser Werdecharakter ist als die dynamische Struktur einer Teilhabe an Sein zu verstehen und zeigt sich als eben diese Urdynamik sowohl im Inner-Geschöpflichen als auch in der Relation zwischen Geschöpf und Gott und schließlich im Innergöttlichen selbst.
Indem die Analogie als Teil-nahme aber immer schon über sich hinaus bezogen ist, bedarf sie zugleich einer Analogie als Teil-gabe, d.h. eines Hineinbeziehens von Oben. Eine derartige Verschränkung zweier entgegengesetzter Richtungen (von unten nach oben und von oben nach unten) lässt sich in eine transzendierende und eine immanierende Bewegung übersetzen; sie zielt nicht nur über sich hinaus, sondern zugleich nach innen. Sie wird so zu einem alles-Wirkenden und alles-Enthaltendem Innen-Sein, einer Immanenz des Ist. Damit erschließt sich für Przywara auch die formale Gemeinsamkeit als Bindeglied zwischen Analogie und Mitte: Es ist das Stehen zwischen dynamischer Möglichkeit und innerer Zielrichtung.
Mit diesem Analogieansatz verwahrt sich Przywara einerseits gegen einen kreatürlichen Pantheismus auf der einen Seite, auf der anderen aber auch gegen einen Theopanismus, der das Geschöpfliche im Nichtigen versinken lässt. Denn gerade weil die im Geschöpf sowohl formal auch material angelegte Potentialität in Gott wurzelt, trägt sie auch die Positivität des reinen Seins in sich.
Es ist interessant, dass sich die Kritiker von Przywaras Werk in der Regel fast ausschließlich auf die Analogia entis beziehen. Das gilt für den evangelischen Theologen Eberhard Jüngel ebenso wie für den prominenten Gesprächspartner Przywaras Karl Barth. Letzter kritisiert die Analogienlehre scharf und plädiert für das Beibehalten eines radikalen Seinsunterschiedes, der allein durch eine analogia fides überwunden werden könne.
Für Przywara aber schlägt die Analogienlehre auch die Brücke zwischen Philosophie und Glaube: Indem sie die Potentialitätsproblematik umreißt, wird sie zur Formeinheit und Verhältnisbestimmung zwischen Metaphysik und Christentum. Damit entfaltet Przywara einen Mittelweg des Denkens, der in der Bestimmung der Relation die beiden Extreme verflachender und nivellierender Ähnlichkeit auf der einen und unüberbrückbare Unähnlichkeit auf der anderen Seite zu vermeiden weiß.
Großen Einfluss hatte Przywara u.a. auf den führenden Theologen der Konzilsjahre, Karl Rahner, und Hans Urs von Balthasar. Auch Josef Pieper verdankt Przywara entscheidende Anregungen. Seine in Anschluss an Przywara formulierte Einsicht, dass „jeder auf ein geschlossenes System der Wahrheit zielende Anspruch der wirklichen Existenzsituation des endlichen Geistes […] widerspricht“ ist angesichts ubiquitärer Universalisierungen und Verabsolutierungen aller Art so aktuell wie je.
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Erich Pryzwara: Analogia Entis, Johannes-Verlag, Einsiedeln 1962, 527 Seiten


