Ein friedliches Zusammenleben in persönlicher Freiheit in einer Demokratie zu fördern, das hat sich die Akademie für politische Bildung in Tutzing auf die Fahnen geschrieben. Frieden, Rationalität, persönliche Freiheit – glaubt man dem Tenor vieler Medien, dann sind gerade diese Grundvoraussetzungen moderner westlicher Demokratien mit dem Islam, der jüngsten der drei monotheistischen Religionen, unvereinbar. Aber was ist dran an den Vorwürfen einer im Herzen fundamentalistischen Religion, den Ängsten vor einer schleichenden Islamisierung mit dem Ziel eines Gottesstaates? Wie ist es wirklich bestellt um Vernunft, Recht und Staat im islamischen Selbstverständnis? Um diesen brisanten Fragen nachzugehen, Aufklärung zu leisten als den Auszug aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit – eine Unmündigkeit, die durch einseitige Darstellungen der Medien, die ganz nach dem Motto handeln „good news are no news“ nach Kräften gefördert wird – hatte die Tagungsleitung hochkarätige Fachleute geladen. Den idealen Einstieg zur Verortung von Spannungsfeldern lieferte Professor Bobzin von der Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Aufspannen des geschichtlichen Horizonts. Der Lehrstuhlinhaber für Orientalische Philologie tat dies in bewährter akademischer Manier. Objektiv und problembewusst sprach er das an, worüber erstaunlicher Weise zwischen westlichen und islamischen Intellektuellen Konsens zu herrschen scheint: die seit dem 15. Jahrhundert den islamischen Kulturkreis beherrschende Stagnation, die sich im weitgehenden Stillstand philosophischen Denkens ebenso ausdrückte wie in den sich nur sehr verzögert durchsetzenden technischen Innovationen. Umso erstaunlicher scheinen solche Entwicklungen deshalb, als man im Koran eine wiederholte Hochschätzung des Wissens findet. Ömer Öszoy – Inhaber der Stiftungsprofessur für Islamische Religion an der Universität Frankfurt und Fachmann für Koranexegese – kam dann schon auf das Thema zu sprechen, was unter Theologen und Philosophen als eines Hauptprobleme für die Modernisierung und Öffnung des Islam gilt: die Diskrepanz zwischen dem als ewiges Wort Gottes geltenden Koran und einer Interpretation des Buches in seinem historischen Kontext. Öszoy zufolge ist die historisch-kritische Koranexegese eine im frühen Islam durchaus gängige Theorie, die nur durch verfestigte Traditionalismen im Lauf der Geschichte verloren gegangen sei. Allein so wünschenswert diese These ist – angesichts der Tatsache, dass die meisten Vertreter dieser Überzeugung – angefangen bei ihrem wohl prominentesten Vertreter Mohammed Arkoun – an westlichen Universitäten lehren, gibt zu denken. Auch die folgenden Vorträge des Religionswissenschaftlers und -theologen Bernhard Uhde aus Freiburg und des Juristen Mathias Rohe von der Universität Erlangen-Nürnberg suchten die Vorurteile einer irrationalen, mit den Menschenrechten nicht vereinbaren Religion außer Kraft zu setzen: So legte Uhde eine Religion dar, die nicht nur mit Denkern wie Avicenna und Averroes ihr aristotelisches Erbe ernst nimmt, sondern sich auch selbst als Aufklärung gegen die anderen monotheistischen Religionen versteht. Damit aber bedürfe, so Uhde, (zumindest im Selbstverständnis) der Islam genau genommen gar keiner Aufklärung, da sie gleichsam schon hinter sich habe. Eine fragwürdige These, denn jede systemimmanente Position hat immer das Manko, die eigene Eingrenzung aus dem Blick zu verlieren. Das gilt im Übrigen auch für ein Denken, das seine eigenen rationalen Grundlagen nicht mehr zu transzendieren vermag und so zum System erstarrt – in einer erneuten selbstverschuldeten Unmündigkeit. Eine solche Erstarrung ist aber (und gerade auch von zeitgenössischen muslimischen Denkern) auch dem Islam immer wieder vorgeworfen worden. Grenzen erkennen heißt immer auch schon sie zu überschreiten sagte Hegel einmal. Womit? Natürlich nur mit der Vernunft selbst, die sich aber ihres eigenen blinden Fleckes bewusst bleibt und gerade aus dieser Fähigkeit zur ständigen Selbstüberschreitung ihre Dynamik und Größe zieht. Perfekt glückte im Anschluss Mathias Rohe der Übergang zu den weiteren Kernpunkten der Tagung: Recht und Staat vor dem Hintergrund von Scharia und Fiqh. Der studierte Jurist und Islamwissenschaftler ließ keinen Zweifel daran, dass auch in einer islamischen Fundierung ein Potential für Menschenrechte liegt. Zugleich schilderte er in einer erfrischend klaren Sprache ohne jeden Anflug von Polemik aber auch entscheidende Probleme: So leide die im Jahr 1990 veröffentlichte Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam – inhaltlich an die UN-Erklärung aus dem Jahr 1948 angelehnt – darunter, unter den Vorbehalt der Scharia gestellt zu werden. Für Rohe steht fest: In der Frage der Exekutive kann es keine Kompromisse geben, sie liegt allein bei den säkularen Institutionen des liberalen Staates. Summa summarum schien die erste Quintessenz darauf hinauszulaufen, dass die bestehenden Probleme in und mit der islamischen Welt sich im Wesentlichen auf ein paar Missverständnisse beliefen; angesichts der enormen Probleme in der Empirie noch kein befriedigendes Ergebnis. Am Sonntag aber zeigten sich doch noch die Bruchlinien einer bis dato eher auf Konsens ausgerichteten Debatte. So kam mit dem Vortrag von Rabeya Müller, Mitherausgeberin des vieldiskutierten Korans für Kinder eines der Probleme ins Spiel, das immer wieder die Gemüter der breiten Gesellschaft erhitzt: Die Stellung der Frau im Islam. Obwohl nicht eigens Tagungsthema zeigen sich gerade hier symptomatisch bestimmte Problempunkte. Denn wenn die unitas intellectus wie Avicenna meint, wirklich alle Menschen eint, wenn Recht gleiches Recht für alle bedeutet, dann ist die Stellung der Frau in vielerlei Hinsicht exemplarisch. Und so verwahrte sich Frau Müller auch gegen die am Vortag von Professor Uhde getätigte Aussage, generelle Benachteiligung von Frauen in der islamisch geprägten Welt sei nicht zu erkennen, sondern eher die Ausnahme – zwei Ministerinnen in Syrien sprächen eine andere Sprache; Äußerungen, die sich angesichts von gesprengten Mädchenschulen in Afghanistan auf eher auf dünnem Eis bewegen. Müller legte nun eine andere These vor: Die Unterdrückung der Frau werde wesentlich nicht von den islamischen Grundlagen, sondern vielmehr durch die tradierten Werte einer patriarchalisch-orientalische Gesellschaft gefördert. In Anbetracht dessen, dass auch die syrischen Christen ihren Frauen keinesfalls die Freiheiten zugestehen, die im Westen (vielerorts übrigens auch erst in jüngster Zeit) so selbstverständlich geworden sind, kann dem nur zugestimmt werden. Dennoch bleibt angesichts der Tatsache, dass die Mehrzahl der Christinnen in der arabischen Welt in der Öffentlichkeit dennoch deutlich selbstbewusster und freier auftritt als ihre muslimischen Geschlechtsgenossinnen die Frage nach einem zu einseitigen Kausalzusammenhang. So sollte man sich fragen, ob Übersetzungen wie der des Theologen Adel T. Khoury vielleicht nicht nur patriarchalische Interpretationen sind, sondern eben mehrheitliche Überzeugungen wiedergeben. Wiedergeben. Ernstnehmen des anderen Dialogpartners bedeutet nämlich genau das: Wahrnehmen des Anderen in seiner Andersheit. Moderne (und auch feministische) Übersetzungen – denen man allen Erfolg wünscht – tun sich vermutlich keinen Gefallen, wenn sie diese Tatsachen nicht mit im Blick behalten. Den Abschluss der Tagung bildete der Vortrag des renommierten Islamwissenschaftlers Udo Steinbach, lange Jahre Vorsitzender des Deutschen Orient-Instituts. Er legte in klaren Analysen dar, wie politische Hintergründe für die derzeitigen Probleme verantwortlich seien und auf welche die Neuentdeckung des Islam als Ressource Antworten gefunden habe – eben auch unter Einbezug der Gewaltkomponente. Auf der anderen Seite stehe der geistigen Verarmung einer unter Despotie ächzenden arabischen Welt die Dynamik der iranischen und auch türkischen Gesellschaft gegenüber. Es liege auch mit in den Händen der westlichen Welt, dass dieser nicht zum Erliegen komme. Sprach nicht die Tatsache, dass amerikanische Panzer schützend auf Ölministerium zurollten, während zur gleichen Zeit die ersten Plünderer das Nationalmuseum verlassen, eine deutliche Sprache die Wertsetzungen in der eigenen Gesellschaft und die Achtung vor der Kultur des anderen betreffend? Sätze die zum Nachdenken anregen. Und so endete die Tagung für den aufmerksamen Zuhörer mit vielen offenen Fragen – der besten Voraussetzung für einen offenen Diskurs: Warum tun sich rationale moderne islamische Ansätze – die von Soroush im Iran bis Arkoun viel zahlreicher sind, als gemeinhin angenommen – so schwer, an Dominanz zu gewinnen? Welchen Beitrag leistet die historische Entstehung, die den Islam von Beginn an auch als weltliches Reich begriff? Und welche Konsequenzen ergeben sich für die Menschenwürde aus einer gesellschaftlichen Grundlage, die der umma (Gemeinschaft) in Bezug auf das Individuum einen derartig hohen Stellenwert zuweist? Ein fruchtbarer Dialog der Religionen und Kulturen, der dem anderen auf Augenhöhe begegnen will, bedarf immer zweier Prämissen: Konsens und Ernstnehmen von Differenzen. Vorzeitige Einigkeit wäre demzufolge ebenso ein Abbruch wie das Negieren aller Gemeinsamkeiten. Bildung bleibt der Schlüssel für Veränderung und Aufklärung. Das ist nicht nur im Sinne der Akademie, sondern auch Kants und des Korans: Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen – denn der Herr zürnt jenen, die ihre Vernunft nicht gebrauchen. In diesem Geist sind viele Fortsetzungen mehr als wünschenswert.

 

(copyright only by the author)

One Response to “„Er aber zürnt jenen, die ihren Verstand nicht gebrauchen“ (Sure 10:100) – Tagung „Vernunft, Recht und Staat im Islam“ vom 3. bis 5. April in Tutzing”

  1. Bert Says:

    Ein politisch korrekter Artikel, der die philosphischen Grenzen von Rationalität und Aufklärung nicht in den Blick nimmt. Muss er wohl auch nicht, wenn hier politische Philosophie als Ideal zur Ausrichtung der Handlungen verstanden wird. Habermas würde sich freuen, Adorno sich ägern: Strahlkraft der positiv setzenden politischen Philosophie gegenüber einer negativ kritischen: Wird die negative Dialektik letztlich doch von einer positiven übertroffen?
    Was sagt und welche Bedeutung hat hier die Empirie?

Leave a Reply