Dissertationsprojekt: Das Prinzip der Relationalität: Nicolaus Cusanus’ ontologisches Erkenntnismodell als epistemische Begründung eines Toleranzkonzeptes und Fundament eines interreligiösen Diskurses
Wednesday, 2006-August-16
Immer dann, wenn verschiedene Kulturen und Religionen aufeinandertreffen, stellt sich die Frage nach dem Umgang mit dem Fremden als dem Nicht-Eigenen, das zunächst als Widerstand – und häufig auch als Bedrohung – gegen das Eigene erfahren wird. Soll dieser – oft erzwungene – Umgang mit Alterität für den nach Sinnkonsistenz strebenden Menschen nicht zu einer Sinnkrise führen, sondern positiv verarbeitet werden, bedarf es einer rational erfassbaren Eingliederung des Anderen und seiner Überzeugungen in den eigenen Lebensentwurf. Es ist diese Ausgangsposition die die Frage nach der Struktur und Bedeutung von Toleranz und Diskurs jenseits utilitaristischer Begruendungen (Erhalt einer friedlichen Gesellschaft etc.) aufkommen laesst.
In der gegenwärtigen Toleranzdiskussion werden vielfach die Thesen eines Intoleranz-Wahrheitsanspruchs-Konnexes (pluralistische Religionstheologie, Assmann) bzw. einer Unmöglichkeit von Toleranz aufgrund ihrer paradoxen Struktur (Jaspers, Ostendorf) vertreten.
Dem gegenüber soll ein Toleranzkonzept entwickelt werden, in dem die Wahrheitsorientierung ein konstituierendes Moment für Toleranz darstellt und das zugleich auf philosophischem Gebiet Klärungsarbeit leistet, insofern mit Hilfe der phänomenologischen Methode die Grundzüge von Toleranz als in sich schlüssigem Konzept entwickelt werden. Der Fokus liegt dabei auf einer Form, die gerade im Zusammenhang mit dem interreligiösen Dialog besonders relevant scheint: der inhaltlichen Toleranz, die jenseits lebensweltlicher Bedrohungspotentiale und negativer Pflichten aus einer positiven und erkenntnistheoretischen Bestimmung heraus begründet wird und aus dieser alle weiteren Formen von Toleranz legitimiert.
Medium eines derart verstandenen Toleranzkonzeptes ist der Diskurs. In ihm zeigt sich, dass inhaltliche Toleranz nicht auf den Gegenüber (der zunächst als gleichberechtigter Diskursteilnehmer nicht toleriert, sondern akzeptiert werden muss), sondern allein auf dessen (für mich als bedrohlich wahrgenommene) Überzeugung zielt. Sowohl inhaltliche Toleranz als auch der Diskurs sind von ihrer auf Wahrheit ausgerichteten Intentionalität geprägt und zeigen sich (im Gegensatz zu Akzeptanz oder Indifferenz) als dynamisch-relationale Prozesse mit dualen Strukturen, die sich auf horizontalen bzw. vertikalen Vermittlerebenen bewegen.
Entgegen landläufiger Annahmen kann aus dieser Analyse der Schluss gezogen werden, dass es sich bei Toleranz nicht um einen intrinsischen, sondern einen extrinsischen Wert handelt, der seine Dynamik aus dem Bestreben entfaltet, kognitive Dissonanzen über die Orientierung an Wahrheit zu überwinden.
Eine derart vorgenommene Bestimmung kann die Forderung, Toleranz zu einem der tragenden Momente des interreligiösen Diskurses zu machen, entscheidend fundieren, da sie aufweist, inwiefern angesichts heterogener Strukturen durch Toleranzausübung gegenüber differenten Positionen der eigene Lebensvollzug über Sinnkonsistenz bejaht und stabilisiert wird.
Eine tragfaehige Begruendung eines solchen Ansatzes findet sich im Denken des deutschen Kardinals Nikolaus von Kues (1401-1464).
Die Problematik einer Erkenntnistheorie kann in den Augen des Cusaners nur beantwortet werden, wenn die Fragen nach dem Wesen Gottes und der Welt mit einbezogen werden. Die Basis dafür findet er in der trinitarischen Grundstruktur seiner theologischen Überlegungen, die er sowohl auf die Epistemologie als auch auf die Ontologie überträgt. Er gelangt so zu dem Bild eines grundlegenden Relationsgefüges als Grundbestimmung von Sein, Dasein und Erkenntnis. Die Methoden spekulativer Mathematik und hypothetischer Deduktion nutzend, zeigt er sowohl eine Vorgängigkeit der Identität vor der Differenz als auch, wie das Anwachsen entgegengesetzter Eigenheiten bis an die Grenzen ihres Vermögens deren konstitutive Einheit erkennen lässt: Das Größte und das Kleinste, die ins Unendliche gedachten geometrischen Formen von Kreis und Gerade koinzidieren; nicht, weil sie im Unendlichen ihre Identität verlieren, sondern weil in der vollkommenen Verwirklichung aller Möglichkeiten das Trennende aufgehoben wird.
Diese Überlegungen führen Cusanus nun zu dem Problem, wie das diskursiv arbeitende (und demzufolge Widersprüche ausschließende) rationale Denken sich diese coincidentia oppositorum erschließen kann. Schon im Endlichen kann Cusanus ohne große Mühe aufzeigen, dass Erkennen von Welt nur über die Verhältnisbestimmung von Gleichem und Ungleichem funktioniert und damit nur als ein sich annäherndes Messen gedacht werden kann. Aber auch eine so vollzogene Annäherung bedarf einer Orientierung, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten. Cusanus gelingt dies mit einem Rückgriff auf sein Postulat der Vorgängigkeit der Einheit vor der Verschiedenheit. Das den Zusammenfall der Gegensätze (und damit die Wahrheit Gottes berührende) reflexive Erkenntnisvermögen der Vernunft (intellectus) wird als die Wurzel allen rationalen Erkennens aufgedeckt und so zur Schaltstelle zwischen Endlichem und Unendlichem im Menschen. Indem der eigentlich in Unterscheidungen arbeitenden Verstand (ratio) an diesen Punkt gelangt, verweist er auf seinen in der Vernunft wurzelnden göttlichen Ursprung und zugleich auf die Überwindung seiner eigenen Grenzen. Auf der anderen Seite bedarf aber auch die Vernunft, deren Teilhabe am Göttlichen im konkreten Vollzug ihrer synthetischen Fähigkeiten verwirklicht wird, wiederum des dialektischen Aufstiegs durch die ratio, um zur vollen Entfaltung zu gelangen.
Für die Auseinandersetzung mit intra- und interreligiösen Differenzen hat ein solcher strukturontologischer Ansatz, der die Substanzontologie jedoch nicht negier, sondern in sich aufhebt, weitreichende Konsequenzen: Da sich das Universum als ein komplexes Beziehungsgefüge entpuppt, das sich wiederum selbst nur über Relationen und Verhältnissetzungen erschließen lässt, wird die Auseinandersetzung mit dem Anderen zum tragenden Moment einer dialektisch arbeitenden ratio. Indem so beide Positionen in einen auf Wahrheit ausgerichteten dynamischen Erkenntnisprozess eingebunden werden, werden sie selbst immer wieder neu im Relationsgefüge von Welt und Sein verankert.



Wednesday, 2009-November-11 at 9:55 am
Vgl. SPON-Diskussion zum Thema Toleranz:
http://forum.spiegel.de/showthread.php?p=4536888